Auf dem Weg zum Wasserstoffzentrum

Die Neue Energien Premnitz GmbH will grünen Wasserstoff herstellen

Im Premnitzer Industriepark soll in den kommenden zwei Jahren eine Anlage entstehen, die beinahe beliebige Abfälle in ihre Bestandteile zerlegen und daraus Wasserstoff, CO2 und Wärme gewinnen wird. Das Verfahren stammt vom schwedischen Unternehmen Plagazi, das bereits in den USA eine Anlage betreibt, um aus Abfällen Synthesegas für die Verstromung zu machen. Die Neue Energien Premnitz GmbH, ein mit der Richter Recycling-Gruppe verbundenes Unternehmen, will rund 70 Millionen Euro in die neuartige Müllverwertungs-Technologie investieren. In 2023 soll die Anlage bereits in Betrieb gehen und dann 6.500 Tonnen Wasserstoff im Jahr produzieren.

Die Anlage versorgt sich zu 70 Prozent selbst mit Energie

Was das Plagazi-Verfahren ausmacht, ist die einzigartige Kombination aus Pyrolyse-Verfahren und Plasma-Gasifizierung. Dabei soll sich die Anlage im Rahmen des energieintensiven Prozesses zu mehr als 70 Prozent selbst mit Energie versorgen. Bei dem patentierten Verfahren handelt es sich um einen geschlossenen Prozess, bei dem mit 3.000 Grad Celsius alle Abfälle in Atome zerlegt werden und drei verwertbare Produkte übrigbleiben: hochreiner Wasserstoff (99,9%), ungefährliche Schlacke (z.B. für Straßenbau) und flüssiges Kohlendioxid.

Auch Rotorblätter können verwertet werden

Auch bisher nicht recycelbare Abfälle, wie Teile von Autos oder Haushalts- großgeräten aber auch die Reste von Windkraftanlagen, können auf Grund der hohen Temperaturen und der Technologie, vollständig zu grünem Wasserstoff verwertet werden. Sogar gasähnliche Reststoffe können verbrannt werden. Und: Enthaltene Glasfaser kann zum Recycling aufgefangen werden. Das macht auch den Ausbau der Windkraft weiter möglich, denn Schätzungen zufolge werden allein in Europa bis 2023 mehr als 10.000 Windturbinenflügel außer Betrieb genommen.

Wirklich CO2-neutraler Wasserstoff

Einer Analyse des Consulting-Unternehmens DNV zufolge ist der produzierte Wasserstoff grün, unter Umständen sogar „CO2-negativ“. Maßgeblich für die CO2-Bilanz ist dabei, ob das abgeschiedene CO2, dass in flüssiger Form vorliegt, recycelt oder gespeichert werden kann. Wird das Nebenprodukt zu 90 Prozent genutzt, ergibt sich rechnerisch ein Fußabdruck von -9,45 CO2 pro Kilogramm Wasserstoff. Im Szenario ohne CO2-Nutzung liegt der Wert bei -0,67.

Günstiger als durch Elektrolyse

Die Neue Energien Premnitz GmbH rechnet mit einem Verkaufspreis von 5,50 Euro pro Kilogramm Wasserstoff an den Endnutzer. Zum Vergleich: Schon die Produktionskosten auf Basis der Elektrolyse liegen bei 6 bis 8 Euro und sind noch stark von der Verfügbarkeit und dem Preis erneuerbarer Energien abhängig.

Stadtverwaltung und Kreistag stehen hinter dem Projekt

Für Bürgermeister Ralf Tebling ist die Wasserstoffgewinnung ein wichtiges Zukunftskonzept. Er freut sich über die breite Zustimmung seiner Kollegen dafür: „Ausdrückliche Unterstützung haben die Städte Falkensee, Ketzin, Nauen, Premnitz und Rathenow sowie die Gemeinden Dallgow-Döberitz, das Milower Land und die Gemeinde Wustermark zugesichert. Der Landkreis beabsichtigt weiterhin, in einer Machbarkeitsstudie die Wasserstoff-Wertschöpfungskette von der Produktion über die Verteilung und Speicherung bis hin zum Verbrauch, vor allem im Mobilitätssektor, darzustellen.

Das Havelland ist eine „HyExpert-Region“

Bei der Expertenrunde im Mai machte Stefan Kaufmann, der Innovationsbeauftragte des Bundes für Wasserstofftechnologien, den Verantwortlichen und Unterstützern Mut, um das Vorhaben weiter voranzutreiben. Der Landkreis Havelland wurde jüngst als Gewinnerregion im Bundeswettbewerb „HyLand – Wasserstoffregionen in Deutschland“ in der fortgeschrittenen Kategorie „HyExpert“ ausgewählt und ist damit der einzige brandenburgische Landkreis, der zu den 15 ausgewählten HyExpert-Regionen und den insgesamt 30 Gewinnerregionen deutschlandweit gehört. Als Gewinnerregion dieser Kategorie erhält der Landkreis bis zu 400.000 Euro, um ein umsetzungsreifes Gesamtkonzept für eine regionale Wasserstoffwirtschaft zu erstellen.