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650 Jahre Premnitz

Das Pulver machte Premnitz zur Stadt

Bis 1914 war das Leben in dem kleinen Fischerdorf Premnitz eher bescheiden und ruhig. Mit dem 1. Weltkrieg änderte sich das schlagartig: Die Vereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabriken AG mit Werken in Rottweil, Hamburg und Düneberg, suchte nach einem weiteren Standort bei Berlin. Der Bedarf an Schießpulver war sprunghaft angestiegen und die Franzosen hatten begonnen die westlich gelegenen Fabriken zu bombardieren, wobei etliche Arbeiter starben und viele Tonnen Pulver explodierten.

Ausschlaggebend für die Wahl von Premnitz waren die Lage an der Havel und das preisgünstige Bauland. Zudem war Premnitz 1900 an das Telefonnetz, 1904 an die Brandenburgische Städtebahn und 1913 an die elektrische Stromversorgung angeschlossen worden. Nachdem etwa 2.000 Morgen (500 Hektar) Land ein- schließlich der ehemaligen Ziegelei aufgekauft waren, begann im Sommer 1915 der Bau der Pulverfabrik Premnitz. Zeitgleich zum Bau von 50 Mehrfamilienhäusern und einem Kaufhaus, der sogenannten „Konsumanstalt“, an dem etwa 4.100 Arbeiter beteiligt waren.

In großer Entfernung zum Dorf

Im Frühjahr 1916 wurde das erste Pulver produziert und bereits im Herbst ist gemäß dem „Hindenburg-Programm“ mit der Vergrößerung der Fabrikanlagen begonnen worden. Die Anlagen wurden als selbständige Komplexe in größerer Entfernung zum damaligen Dorf erbaut, um eine Gefährdung der Bevölkerung durch schädliche Dämpfe oder Explosionen zu verhindern. Auch die Gebäude selbst waren weiträumig angelegt und mit hohen Mauern geschützt worden. Ende 1916 ist damit begonnen worden die Hafenbahnbrücke, das heutige Wahrzeichen von Premnitz, zu errichten.

Große Schwierigkeiten bereitete die schnelle Beschaffung von mehreren tausend Arbeitern. So sind deutschlandweit Inserate geschaltet und Mitarbeiter als Werber in ihre Heimatregionen geschickt worden. Die direkte Bahnverbindung von Rathenow nach Berlin brachte dann die erhofften Arbeitskräfte. Im Herbst 1917 waren einschließlich der Bau- und Montagearbeiter etwa 7.500 Arbeitskräfte im Werk beschäftigt. Nun war die Schaffung von Unterkünften, getrennt für Frauen und Männer, die wichtigste und forderndste Aufgabe.

Überraschendes Kriegsende

Das riesige Werk war im Geiste seiner Väter für Jahrzehnte angelegt worden, doch so schnell wie der Aufstieg begann, drohte er auch wieder zu enden. Als die Kriegshandlungen Ende 1918 ein wenig überraschend für die deutsche Industrie eingestellt wurden, war einfach kein Schießpulver in diesen Mengen mehr nötig und die Großaufträge blieben aus. Zudem ist die Pulverfabrik 1919, auf Grund der Regelungen im Friedensvertrag von Versailles, stillgelegt und teilweise demontiert worden. Die Beschäftigtenzahl sank auf knapp 500! Ein Schock für die Premnitzer.

Ein Glück im Unglück war die schon während des Krieges begonnene Entwicklung einer Kunstseidenproduktion nach dem Viskoseverfahren. So konnten Teile der Fabrik erhalten werden. Im Jahr 1920 übernahm die IG Farben das Werk und trieb die Entwicklung einer Kunstspinnfaser voran, welche wenig später unter dem Markennamen „VISTRA“ weltweit als erste Zellwolle der Welt vermarktet wurde. Ab dann war Premnitz als hochklassiger Industriestandort der Chemiebranche gesetzt und viele Premnitzer Bauten zeugen noch heute von dieser Zeit des Aufbruchs.

Das Stadtrecht kam spät

Bereits im Jahr 1945 hatte der sowjetische Stadtkommandant Premnitz das Stadtrecht verliehen. Ein Jahr lang gab es einen Premnitzer Bürgermeister bis der Oberlandrat von Brandenburg die Entscheidung als zu eigenmächtig einstufte und es wieder entzog. Als Premnitz 1962 mit rund 10.000 Einwohnern, 657 Kita-Plätzen, ganzen 31 Lebensmittelläden und 7 Gaststätten richtig aufgeblüht war, beantragte der Rat des Kreises endlich das Stadtrecht, welches Premnitz dann am 3. November 1962 verliehen wurde.

Großen Dank an den Premnitz-Historiker Jürgen Mai

Schon der Vater hatte 1925 angefangen zu fotografieren und seinen Sohn „infiziert“. Die hobbymäßige Fotografenkarriere des 84-Jährigen Jürgen Mai begann zum Deutschlandtreffen 1964, bei dem er 5 Meter vor Walter Ulbricht eine ganze Serie machte. Der Ingenieur für Chemiefaser und spätere Amtsleiter für Schule, Kultur und Sport, hat sich seit seiner Pensionierung der Premnitzer Geschichte verschrieben. Ohne seine akribische Arbeit wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen.